„Ich male, um Grenzen zu sprengen, um weiter zu gehen, mich selbst hinter mir lassend...
bescheiden zu werden und der Welt das Wort Liebe zu geben...Ich male, um jedem Tag neu zu begegnen : „bon jour“.
Diese Worte des großen französischen Malers Jean Miotte (1926) sind mir aus einem unserer Gespräche besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben. Sie erinnern an sein Vorwort für den Dialog mit seinem verstorbenen Freund Chester Himes, der 1977 bei SMI Paris veröffentlicht wurde (voller Text in der französischen Version folgt nach diesem Text).
Anfang 2000 wurden seine beeindruckenden Gemälde in der Prager Burg auf Initiative der Europäischen R.M. Stiftung zum ersten Mal in der Tschechischen Republik gezeigt. Unter dem Namen MIOTTE. Für Prag als Europäische Stadt der Kultur des Jahres 2000 war es gleichzeitig der Auftakt der kulturellen Ereignisse in diesem Millennium. Unvergesslich, die wunderbare Harmonie dieser abstrakten zeitgenössischen Werke konfrontiert mit den gotischen Bogen und Wölbungen der Burg. Unsere Stiftung freut sich darüber, im Jahre 2002 erneut dem tschechischen Publikum exclusiv Werke dieses internationalen Künstlers präsentieren zu können. Das Haus der Kunst der Stadt Brünn gab dann 2002 die Gelegenheit für eine ganz besondere Installation gerade der neueren monumentalen Werke Miottes, unter dem Namen „Die Geste, die im Inneren entspringt“, wie es nicht in jedem Museum möglich ist. Das Gebäude wurde 1910 für Ausstellungen eingeweiht und hat auch heute noch einen besonderen Stellenwert als architektonisches Kleinod innerhalb der tschechischen Galerien. Seine graphische Wanderausstellung, auch unter dem Namen „Die Geste, die im Inneren entspringt...“ wird in verschiedenen tschechischen Städten präsentiert, 2001 war es die Schlossgalerie in Pelhøimov (Pilgram), 2003 dann die Schlossgalerie in Jièín (Jitschin), 2004 soll „Die Geste...“ in Mladá Boleslav, in ŠkodaAuto Museum, präsentiert werden - in Zusammenarbeit mit unser Partnergesellschaft ŠkodaAuto planen wir auch 2004 in Prager Rudolfinum u.a. die Versteigerung der graphischen Werke Miottes, um das Projekt „Unsere Geschichte kennt keine namenlosen Helden“ und andere Stiftungsaktivitäten zu unterstützen. Die graphische Wanderausstellung von Jean Miotte soll dann weiter durch die Tschechische Republik reisen... Eine weitere repräsentative Ausstellung von Jean Miotte wird in Prag für das Jahr 2006 geplant und vorbereitet, zu seinem achtzigstem Geburtstag, in der Nationalgalerie in Veletržní palác oder in „Sovovy Mlýny“ auf der Kleinen Seite, wo das preiswerte Geschenk von Meda Mládková, der Amerikanischen Mezänin der tschechischen Abstammung der „neuen“ Tschechischen Republik, vor allem handelt es sich um ihre weltberühmte František Kupka Sammlung, untergebracht wurde (die feierliche Eröffnung, nach der Flutkatastrophe des Jahres 2002, die es fast um ein ganzes Jahr verschoben hat, fand am 25.6.2003 statt, wir waren für sie natürlich dabei). Wir planen, dass diese Kupka Sammlung dann 2006 nach New York ginge, in das „Chelsea Art Museum – The Home of The Miotte Foundation“, welches auch symbolisch und feierlich am 14.11.2002 eröffnet wurde. Zu der gleichen Zeit wäre Jean Miotte in Prag, in der gleichen Räumen, in der Form der geistigen Wechselwirkung präsentiert. Wir hoffen, dass uns dieses Projekt, welches für unsere Stiftung zum geistigen und kulturellen Traum geworden ist, gelingt: wir werden sie weiter informieren...
Jean Miotte gehört zu den Begründern des Informel in Paris. Auf der internationalen Bühne hat er sich bereits nach seinem ersten schöpferischen Aufenthalt in den USA durchgesetzt, nachdem er im Wettbewerb der Fordstiftung den ersten Preis gewonnen hatte. Der heute längst weltbekannte Künstler sammelte zunächst als Autodidakt in den vierziger Jahren seine Erfahrungen in den Pariser Ateliers von dem Bildhauer Ossip Zadkine und dem Maler Othon Friesz. Prägende Einflüsse durch Symbolismus und Expressionismus. Dann kam die berauschende Ballettwelt – Les Ballets Russes – in die ihn Mischka Reznikov einführte. London und Monaco; zwei Jahre der Choreographie, der Interaktion zwischen Bewegung, Musik und Malerei; die Bühnenbilder von Picasso, Rouault und Matisse; eigene Bühnenbilder für Rosella Hightower, Primaballerina und bis heute grande dame der Ballettwelt. Klare, fast strenge Komposition sowie Dramatik und strahlende Farbigkeit sind die drei hervorragenden Kriterien seiner Arbeiten aus den folgenden Jahren. Seit den sechziger Jahren arbeitet Jean Miotte außer in seiner Geburtsstadt Paris in seiner Wahlheimat Pignans, für das er im Laufe der Jahre alle seine Freunde begeistert hat. Dorthin kommt auch Fernando Arrabal regelmäßig für lange Gespräche in der Abgeschiedenheit.
Es sind jedoch die USA, denen er sich als am nächsten in seiner Schöpfung und Philosophie versteht. Seit 1978 hat er ein Atelier in Soho in New York zwischen Broadway und Westbroadway und bald werden seine Werke, die Miotte Stiftung, ihre Heimat im Chelsea Art Museum finden. Der Forderung des jungen Miotte unter dem Eindruck der Zerstörung, des unendlichen Leidens und des antihumanistischen Horrors der vierziger Jahre nach einer international verständlichen Sprache ist er jedoch immer treu geblieben. Als erster westlicher Maler nach dem Mao-Regime wurde er 1980 nach Peking eingeladen, um seine auf das Essentielle reduzierten, konzentrierten Bilder, die von Miotte entwickelte Schrift, die ihm eigenen Zeichen der chinesischen Malerei, Kalligraphie und Zenphilosophie gegenüber zu stellen. Die kulturelle Brücke durch seine Malerei war möglich : die Ausstellung reiste weiter durch die Nationalmuseen von Hong-Kong, Singapur, Manila, Taipeh, Tokyo.
Nach der Literatur wird Jean Miotte in Amerika als ein wichtiger Vertreter des abstrakten Expressionismus geführt, seinen nahen Freunden Sam Francis und Joan Mitchell fühlt er sich auch in seiner Arbeit sehr verbunden, Deutschland klassifiziert ihn als einer der Väter des Informel und Frankreich als lyrischen Abstrakten. Über die Kunstrichtung, in die er sich selbst einordnen würde, von mir bei einem unserer Gespräche befragt, zuckt er nur die Achseln : „ich hasse Schubladendenken. Wenn man denkt, dass das erste kunsthistorische Etikett in der Renaissance von Savonarola geprägt wurde, der die mittelalterliche Kunst als Gotik nach den barbarischen Goten bezeichnete... als ob die Namen einer Kunstrichtung eher an Feinde erinnerten. Auch heute scheinen die Namen eher ein Produkt von Missverständnissen, Impotenz oder gar direkter Feindschaft zu sein...einer sagt von mir : zeitgenössische Reduktion, der andere action painting und beide meinen damit dasselbe...Bei dem Wort Abstraktion geht es doch in Wirklichkeit um eine neue, andere Realität, um den Ausdruck der individuellen Wahrnehmung der Umwelt, die Reaktion des Unterbewussten, der Emotionen eben auf diese technisch veränderte, entfremdete Umwelt. So wie Marcelin Pleynet schrieb : um ein neues visuelles Gedächtnis hinter dem Gedächtnis, um die Akkumulation visueller Erfahrungen;... die Geschichte der Kunst könnte man eigentlich durch eine Archäologie des visuellen Gedächtnisses ersetzen. - Für meinen Teil kann ich nur sagen : ich heiße Jean Miotte und bin Maler in der heutigen Welt...“.
Bereits in den fünfziger Jahren wurden wichtige Kunstkritiker auf ihn aufmerksam. Nach seiner Rückkehr aus den USA richtete ihm der berühmte Pariser Galerist Jacques Dubourg, mit dem er seit 1958 zusammen arbeitete, eine große Einzelausstellung aus, über die R. van Gindertael schrieb : „Miotte erreicht in seinen Arbeiten ein Gleichgewicht. Nicht ein statisch oberflächliches, das man durch eine gute kompositionelle Strukturierung erreichen kann, sondern ein vitales, vibrierendes Gleichgewicht, komplex wie unser Leben mit all seinen Widersprüchen. Und gerade in diesem Sinn kann man von der Arbeit Jean Miottes sagen, daß sie existent ist, jeden Tag wieder, denn sie verkörpert Dasein, sie selbst ist Existenz, Leben...“. Im gleichen Jahr finden zwei große Einzelausstellungen in holländischen Museen statt. Der berühmte Hans Redeker schreibt darüber : „Miotte beweist, dass die gegenwärtige Malerei den architektonischen Raum respektiert. So erfahren wir in seiner Malerei den Raum, in dem wir uns bewegen und unsere Grenzen. Eine Kunst, in der Körper und Seele eins sind, Gegensätze aufgehoben werden“.
In einem unserer inzwischen traditionellen Septembergespräche sprachen wir natürlich auch von dem Bild aus dem Jahre 1963, das inzwischen fast zum Kult geworden ist :: „L’arr?t du temps“. Ein zentrales Thema im Werk Jean Miottes : „in einem bestimmten Moment der Aktion fängt das Bild mit einem Mal an zu leben. Im Höhepunkt der Konzentration, im Moment der intensivsten Bewegung. Wenn man vorher aufhört, entsteht kein Bild, wenn man über diesen Punkt hinaus weiter arbeitet, wird das Bild konfus.
Ich verstehe meine Arbeit als Projektion, als eine Abfolge von intensiv erlebten Momenten, Ergebnis der Auseinandersetzung mit Erfahrung, inneren Konflikten. Malen heißt nicht, mit dem Verstand zu theoretisieren oder intellektuelle Überlegungen anzustellen, Malen ist eine Handlung, ein Bewegungsablauf, den man in sich trägt, der seinen Ursprung im Innern hat. Un geste qu’on porte en soi...Die Geste, die im Inneren entspringt.“
Wunderbar, diese poetischen Worte; gerade auch als faszinierende Musik der französischen Sprache. Sie sollten der Titel für unsere Ausstellung werden. Sie wurden auch zum Untertitel seines Buches La Rage de peindre ( La Différence 1999). Das habe ich erst später festgestellt, nachdem mir Jean Miotte die Publikation seiner Reflexionen geschenkt hatte : magischer Zufall ?
In diesem Buch setzt sich Jean Miotte mit der Abstraktion als bildnerischem Ausdruck auseinander : „eine künstlerische Arbeit ist grundsätzlich abstrakt, ob das Werk sich nun figurativ oder nicht darstellt, denn jede Auseinandersetzung mit einem kreativen Akt, mit einem geschaffenen Werk ist geistiger Natur. Unter abstrakt versteht man im allgemeinen die Art und Weise, wie man an ein Kunstwerk herangeht, und zwar an das, was es ausdrückt, seine Seele. Es stellt unser Umfeld, unsere Existenz dar... Jedes Kunstwerk ist eine Sprache. In Übereinstimmung mit ihrem Umfeld bestimmt jede Epoche die Regeln dieser Sprache, die typisch für sie sind und die ihr ermöglichen, die ihr eigenen Emotionen, Ängste, Zwänge und Fragen auszudrücken. Das zwanzigste Jahrhundert, Jahrhundert der Entdeckungen, technischen Veränderungen, geht seinem Ende zu. Nach der sog. Industriellen Revolution stehen wir jetzt staunend vor Satelliten-Übertragungen und digitalen Systemen bis zu genetischen Mutanten. Zugegeben : uns ist keine Umwälzung erspart geblieben. Dennoch oder gerade deswegen persistiert der Mensch durch die Kunst. So können wir formulieren, daß Abstraktion als Ausdrucksform, die über erkennbare Formen hinausgeht, unser heutiges Thema ist, so wie im quattrocento die Madonna con bambino übergeordnetes Thema war. Das abgebildete Thema ist heute ebenso wenig wie zu Zeiten Rembrandts das Alpha und Omega der Malerei. Ist das eigentliche Thema nicht daher das Malen/Schaffen an sich...?.. Die Abstraktion bis zur informellen Darstellung weiterentwickeln ist für mich Ausdruck eben unserer Zeit, und dies beschränkt sich nicht auf die malerische Technik. Ausdruck eben durch Bewegung, durch die Form, die diese Bewegung hinterlässt, le geste, und diese flüchtige, und doch so intensiv konzentrierte, tief aus dem Inneren kommende Geste impliziert die menschliche Dimension, eine konkrete Lebenssituation, unsere Epoche in ihrer Ganzheit, ihrer Vielschichtigkeit... Diese Abstraktion erhellt aus dem Sinn selbst des Lebens, aus unserer hiesigen Existenz aber auch ihren tagtäglichen Erscheinungsformen. Auf seine ureigene Persönlichkeit vertrauend trotzt der Künstler dieser Konfrontation durch seine Kreativität.“
Zweifellos auch im Sinne seiner künstlerischen Philosophie, einer radikalen Infragestellung, arbeitet er Anfang der fünfziger Jahre an einer Werkgruppe von 30 Bildern, die er immer wieder mit leidenschaftlicher Ausdauer vornimmt, malt, verwirft und übermalt, dem Vorhaben und Ziel verschrieben, seine ihm eigene Erfahrung von Licht darzustellen, eine Materialisierung des Lichtes, und mit seinen ihm eigenen Farben als Zeichen, aber auch großflächig aufgetragen, das ‚Göttliche‘, das Geheimnis der Lebensenergie auszudrücken. Gleichzeitig schrieb er: „Ich wollte kein Maler werden, aber in jedem freien Augenblick griff ich zu Pinseln und Farben..." Jetzt nach mehr als fünfzig Jahren fügt er in Pignans hinzu: „Ich hatte bereits das Abitur hinter mir und angefangen, Mathematik zu studieren. Eigentlich interessierten mich an dem ganzen Studium aber nur die wenigen Philosophie Vorlesungen. So stellte ich mich erst mal dem Militärdienst (durch die Ironie des Schicksals bedeutete für mich das Kriegsende eben Militärdienst), um Zeit zu gewinnen, über meine Zukunft nachzudenken. Und dann ließen sie mich die hässlichen Kasernenwände bemalen : ich musste sie eben bemalen, ihnen die eigenen Vorstellungen der Möglichkeiten einer anderen Welt vor den Kasernentoren vor Augen führen...und es wurde für immer entschieden. Die Wandmalereien sind dort immer noch zu sehen: junge Mädchen mit langem Haar, Gitarren - eben auch weibliche Formen – Strand, das aufgewühlte Meer, in dem sich die Farben des ebenso blauen Himmels spiegeln; dort auf den Wänden der Kasernen von Lyon: Pop-art vor Pop-art?..."
In Pignans in Südfrankreich baute Jean Miotte auf seinem Grundstück ein Atelier, in dem auch seit 1996 im Sommer internationale Ausstellungen organisiert werden : L´Atelier: Centre d´Art et d´Echanges Culturelles. Danach nutzt er es wieder als sein Atelier (zu seinem alten Atelier, wo er weiterhin auch tätig ist und wo er auch jahrelang wohnte, kommt man über den Hügel seines Grundstücks, dicht durch Bäume bewachsen). Samstag, am 8. September 2001, war ich bei der Feier seines fünfundsiebzigsten Geburtstags anwesend. Klavier spielte ihm dazu kein anderer, als der bereits auch bekannte Bruder des berühmten Keith: Chris Jarrett... Jean genoss, ansteckend jugendlich strahlend, die virtuosen Töne in Gesellschaft seiner eingeladenen Freunde im Schatten "seiner" Bäume. Und ich erinnerte mich an seine Worte, die er vor einigen Jahren nach dem gemeinsamen Besuch des legendären Jazzklubs Lenox Lounge in Harlem nicht nur über seine Bewunderung von Jazz, sondern auch über das Grundprinzip seines eigenen Schaffens aussprach : „genau darum geht es, um die Magie der Improvisation, ob es sich nun um Farben, Formen und Bewegung oder um einzelne Töne und ganze Melodien handelt...man muss immer zuerst sein Instrument perfekt beherrschen, die Harmonie, das Phrasieren, die Rhythmen, kommen dann. Ebenso wie bei der Musik, beim Jazz, muss man vollkommen vorbereitet sein, um der berauschenden Energie schöpferischer Improvisation überhaupt fähig zu sein...“
Drei Tage danach , wie schon so oft, haben wir beim Abendessen auf der Terrasse an unsere unterbrochenen Debatten angeknüpft : über die aristotelische metaphysische Magie der Ursubstanz des Universums und über die der längst vergangenen, für uns noch unbekannten Zivilisationen, und hiermit auch über die "Fingerabdrücke der Götter" auf unserem Planet, der die allgemeine geistige und moralische Apokalypse erlebt?und über die sich erfüllenden Vorhersagen des Michel de Nostre-Dame, des mysteriösen Nostradamus, der dort in der Provence zur Welt kam und auch starb. Plötzlich bleiben wir beide ganz still, keiner sagt mehr ein Wort? Vor unseren Augen erscheint im Fernsehen die Apokalypse selbst in ungeheuerlicher Realität?das ruchlose terroristische Attentat auf eins der Symbole unserer Welt, der modernen Architektur und der menschlichen Existenz? nach langem Schweigen ging Jean ohne ein weiteres Wort in die Einsamkeit seines Ateliers. Malen und Nachdenken. Vielleicht mag er an die Worte von Rainer Maria Rilke aus der Ersten Duineser Elegie gedacht haben, die dort an der Wand hängen:
Weißt du´s noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
Zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel
Die erweiterte Luft fühlen mit innigerem Flug…
Jean’s für eine Woche später geplanter Flug nach New York und all seine New Yorker Projekte hielten so wie die aller seiner Freunde an.
Bei Jean Miotte traf ich auch den berühmten spanischen Dramatiker, Dichter und Regisseur Fernando Arrabal, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbindet. Wir sprachen über das nie aufgeklärte Verschwinden seines Vaters während des Franco Regimes, als er selbst vier Jahre alt war. Er hat den Vater nie wieder gesehen.. Einen wunderbar unkonventionellen Text von ihm über Jean Miotte hat er Miotte ou Les Premiers Fauves au Paradis betitelt. Mit seiner kalligraphischen Handschrift hat er ein Album von Lithographien von Jean Miotte illustriert mit dem Gedicht L’éclatement d’une grenade und ein weiteres Cul au-dessus la t?te. In Les Fauves fand ich : Wäre es ein Epos/ über das Leben der ersten Raubtiere/ über das irdische Paradies würde es erzählen... Als wir miteinander durch das Portfolio geblättert haben, sah Jean meinen fragenden Blick und kommentierte den Text eben an dieser Stelle : „Arrabal ist ein barockes Genie, vielleicht das letzte dieser Art und vielleicht das letzte dieser Epoche überhaupt, hinter jedem Wort von ihm kannst du eine Allegorie suchen“. Natürlich bedeutet auf französisch fauve ein Raubtier, und Jean nannte mir einige und verwandelte sich in sie zur Illustration, aber Fauves bezeichnet auch die Richtung der Avant-garde der französischen Malerei Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, Derain, Dufy, Matisse oder Rouault ..aber auch Villon oder van Dongen. Fernando selbst, auf meine Frage, wie er das tatsächlich meint, lächelte nur ein wenig, und sagte mir dann, in seinem Französisch mit bis heute deutlichem spanischen Akzent: „such es dir ruhig selbst aus, es muss doch nicht nur eine einzige Wahrheit geben...´, " und ergänzte seine Worte durch unbestimmtes Achselzucken...
Vier große Monographien gibt es inzwischen über das Werk von Miotte. Die neueste Monographie von Karl Ruhrberg erschien 2001 im Wienand Verlag, 1993 erschien das Buch von Marcelin Pleynet bei Cercle d’Art, Paris, in der Reihe „Grands Créateurs Contemporains,“ 1977 der Dialog mit Chester Himes im SMI Verlag Paris. In dem 1987 erschienenen Buch mit mehreren Autoren schrieb Arrabal über Miotte, „...im Laufe der Jahre bewundere ich jeden Tag mehr und mehr die Fähigkeit von Jean Miotte, aus dem Unterbewussten zu schöpfen, um die ehernen Regeln der Malerei bis zum Zenit der ultimen Reinheit zu transzendieren. Mit der Ruhe und Überlegenheit eines Alchimie Professors realisiert Miotte in seinem Werk etwas, was ich ideale Harmonie nennen möchte. Wenn ich Miotte dabei beobachte, wie er seine Farben mitten im ungeheuren Imbroglio mit seinem ihm von Geburt an mitgegebenen Wissen und Können virtuos bearbeitet, entsteht in mir ein enthobenes Glücksgefühl.“
Persönlich hatte ich oft die Möglichkeit, Jean Miotte bei seinem Schaffen zu beobachten und kann die pathetischen Worte des berühmten Dichter nur bestätigen. Jean ergänzte mir in Pignans die Worte von Fernando Arrabal. Er schaut dabei auf seine alten Kiefern, die sein Atelier umgeben und ihn inspirieren als untrennbarer visueller Bestandteil seines Lebens, obwohl für ihn einen Baum als solchen zu malen keinen Sinn hat : „Malen heißt für mich, den letzten ‚Western‘ zu erleben. Ich habe viel nachgedacht - im Leben habe ich viel erlebt und gesehen - und bemühe mich, dass mein Leben nicht unnütz vertan wird... Warum überhaupt malen? Und für wen? Einfach, um über diese Welt, die sich selbst nicht akzeptieren will, ein Zeugnis abzulegen…Nur wenn man es mit absurden Mitteln angeht, mit der schöpferischen Befreiung, und es gibt keinen anderen Weg zum eigenen Inneren, kann man die sich überschlagenden Katastrophen beschreiben…Und dennoch habe ich mich für diesen absurden Weg entschieden : Malen...“
pour aller Je peins plus loin.
Je peins pour ne plus exister, pour me transmettre.
Fuir. Fuir moi-m?me.
Je peins pour dire bonjour.
Je peins pour supprimer la peinture.
Oui, je peins.
Jiøí Kostelecký