Das geheiligte Flüstern an der Kante der Ewigkeit...
Durch die Imagination der halb geschlossenen Augen, stelle ich mir, als unsichtbarer Zeuge, bereits vom anderen Millennium, eine hypothetische Debatte der Legenden der amerikanischen Fotografie vor. Kaum noch in der legendären Galerie 291 von Alfred Stieglitz, auf der newyorker Fifth Avenue, während des Ersten Weltkrieges, aber eher später, vielleicht im sechsunddreißigstem, nach der Vernissage der Ausstellung von Ansel Adams, bereits in Stieglitz´s An American Place, auf der Madison Avenue; damals gelangten die Anwesenden sicher schon zu ihren Lebens- und Künstlerweisheiten. Alfred Stieglitz (1864-1946), hervorragender Fotograf, der uns bis heute mit seinen romantisch regnerischen Aufnahmen der Pariser Boulevards oder verschneitem New York der vorigen Jahrhundertwende bezaubert, aber auch Maler, Verleger, Galerist und Kultpersönlichkeit der newyorker Kulturszene, durch die Europäischen Erfahrungen der noch Viktorianischen Zeit geprägt, sich selbst in die Rolle eines Amerikaners stilisierend, dem die Fotografie zur Leidenschaft und die Suche der Wahrheit zur inneren Besessenheit wurde, würde traditionell die Rolle des Organisators und Gastgebers erfüllen...
Man Ray (1890-1976), mit seinem Pinsel auf die Leinwand das übertragend, was man nicht fotografieren kann und auf dem Film die Gegenstände verewigend, die er nicht malen wollte, und eher eine Idee als Objekt und eher einen Traum als Idee malend (zum fotografieren kam er durch das Dokumentieren seiner Bilder, einschließlich des Portraits von Alfred Stieglitz, bereits im Jahre 1913), wäre dorthin aus seinem schicksalhaften Paris, oder im sechsunddreißigsten aus der Ausstellung "Fantastic Art, Dada, and Surrealism," gleich um die Ecke des MoMA (Museum of Modern Art), wohin er mit seinen Bildern, Zeichnungen, Objekten und innovatorischen Rayographen beigetragen hatte, oder während des Krieges aus Hollywood, wo er lebte, bevor er dann definitiv in sein Paris zurückkehrte, um dort bis zu seinem Lebensende zu bleiben. Dieser unvergessliche Mann, nicht nur der Pariser avant-garde, den man als Dichter der Dunkelkammer bezeichnet hatte, würde in die Debatte mit einer Übertreibung eintreten, die ihm so eigen war: "Ich persönlich fotografiere nicht die Natur, sondern meine eigene Fantasie...," und den Satz hätte er nur scheinbar nicht beendet...
Im Rahmen der Bestrebung, die Zeit für immer aufzuhalten, heute eben auch durch die Ewigkeit seiner authentischen Äußerungen, würde Edward Weston (1886-1958), in einem Künstler den bloßen Interpret des Unmitteilbaren sehend (allerdings besuchte er Alfred Stieglitz belegbar zum erstenmal erst im Jahre 1922, vor seiner Schicksalsreise nach Mexiko) und sich nicht strebend, im Rahmen der Selbstdarstellung der Natur seine eigene Persönlichkeit aufzuzwingen, sondern ohne Vorurteile und Stilisierungen sich mit ihr selbst zu identifizieren, die Sachen als solche zu sehen, wie sie in ihrem Wesentlichen sind, damit die Aufzeichnung zu keiner Interpretation wird - also seiner eigenartigen Vorstellung, wie die Natur aussehen sollte - sondern zu einer wirklichen entdeckenden Enthüllung, einer eigenartigen mysteriösen Durchdringung durch den Rauchschleier... In der Bemühung nach dem Entziffern der so mystisch stillen Semiotik der Natur, würde er auf den Eintrittsbonmot von Ray fast sofort reagieren: "Ich habe größere Freude am Suchen und Finden solcher Aufnahmen, die durch die Natur alleine komponiert wurden, als an meiner eigenen raffinierten Bearbeitung. Übrigens ist die Auswahl selbst nur eine andere Form des Arrangements..."
Ansel Adams (1902-1984, er war es, der nach dem Tod von Weston über sein Werk erklärte, daß es keine unterstützenden "Erklärungen," Bestätigungen oder Interpretationen brauchte und das Edward nicht sein eigenes Werk verbalisieren musste und wenn sich jemand hartnäckig bemühte es intellektuell zu interpretieren, so war der Kommentar von Edward immer nur "warum nicht, wenn es für ihn dies bedeutet, da habe ich nichts dagegen..."), der unser menschliches Gewimmel für einen vergänglich einstweiligen Spaziergang an der Kante der Ewigkeit hielt und auch für unwichtig, eifrig die Art des Denkens des Künstler oder seine professionellen und gesellschaftlichen Ansichten zu suchen, und hielt für wesentlich nur seine Schöpfung, die sein Lebenserbe bildet, welches nicht unbedingt Verständnis braucht, sondern bloß eine Reaktion auf dem adekvaten Niveau der Kunst selbst ist..., würde vielleicht schon gerne zum Thema der unberührten Natur übergehen, die ihm, überdies einem hervorragendem Pianist, zum Lebensschicksal wurde... Aber er würde einen kurzen Blick auf Weston werfen (möglicherweise ihm innerlich sein Leben eines Bohémiens und seine legere Beziehung zum Eigentum beneidend, diesem ausgesprochenen Einzelgänger und dem ersten Hippie, wie ihn heute bewundernd Clyde Butcher bezeichnet, der an dieser Bewegung aktiv teilnahm), und vor den legendären Zeugen würde er auf seine Worte anbinden: "Ich möchte an Edward anknüpfen, auch im dem Sinne, der verbalen, oder irgendwelchen schriftlichen Definitionen des schöpferischen Werkes des Künstlers, auszuweichen: spricht oder schreibt man vielleicht über die Partitas von Bach? Wir spielen sie oder hören sie uns an: sie leben ihr eigenes Leben nur in der Welt der Musik. Ebenso wie Fotografien von Edward nur in der Welt der originellen Vergrößerungen; richten sie sorgsam und mit Demut ihren Blick auf seine Fotografien, und dann sehen sie sich ihre eigenen Augen an, ohne irgendwelche Selbstunterschätzung oder Gewühl der Unterordnung... möglich, daß sie eben, dank seines Schaffens, entdecken, wie gut sie grundsätzlich in ihrem Wesen sind, oder wie gut sie werden könnten... Und das ist zweifellos der Weg, den sich auch Edward selbst wünschen würde..."
Edward Weston, der sich seine Schweigsamkeit lange erkämpft hatte, auch durch die weisen Seiten seiner, heute bereits berühmten, Tagebücher, müsste sich jetzt vielleicht geschmeichelt und anscheinend als von hinten angegriffen fühlen und reagieren: "Ich will nichts mehr, als die pure Schönheit, die die Linse genau wiedergeben kann, ohne notwendigerweise die Wirkung des künstlerischen Effekts zu präsentieren...in der Fotografie ist einfach primär die frische Emotion, jenes menschliche Gefühl für die Sache, vollständig und für immer in dem magischen Moment des Absoluten aufgefangen, in dem sie gesehen und tief empfunden wurde. Das Gefühl und seine Aufzeichnung entstehen dann gleichzeitig, in einem einzigen Augenblick..."
Inzwischen würde Edward Weston Atem holen und höflich abwarten, bis aus einer Flasche des kühlenden Champagners Moet-Chandon, die unabdenkbar anwesende Georgia O´Keeffe (1887-1986), Stieglitz´s femme fatale (Alfred kannte diese hervorragende Malerin schon seit dem Jahr 1908, als sie zum erstenmal seine Galerie 291 besuchte, im Jahr 1917 schloss Stieglitz diese Galerie eben durch die Ausstellung ihrer Bilder, sie war ihm durch das Schicksal nicht nur zugeordnetes Modell, sondern seit 1924 bis zu seinem Tode dann auch seine Frau, sie überlebte alle Teilnehmer dieses hypothetischen Treffens, Stieglitz sogar um 40 Jahre, und mit Adams trafen sie sich freundschaftlich bis zu seinem Tode, sie erlebte die unglaublichen neunundneunzig Jahre) allen nachgegossen hatte und durch das Glockenspiel würde der Toast abklingen; erst nach dieser tonmalerischen Pause hätte Weston fortgesetzt: "Meine Arbeit hatte immer Vorrang vor dem, was ich über sie gesagt habe! Ich bin nur der finale Vermittler: In dem Augenblick, wenn ich meinen Fotoapparat halte, kann ich weder mitteilen, warum ich etwas auf eine gewisse Art aufnehme, noch warum ich es überhaupt aufzeichne!"
Im Jahre 1936 hätte sich Ansel Adams zweifellos, mit Achtung zu seinem Guru Stieglitz, vor allem seinen Dank ausgesprochen: "Ich würde gerne wissen, ob sie sich dessen bewusst sind, was sie durch die Präsentation meines Werkes, wegweisend für die Richtung meines weiteren Lebens, getan haben," und würde dann nach einem Moment des Nachdenkens hinzufügen (die Fotografie kämpfte damals noch um ihren selbstberechtigten Platz auf der vielfarbigen Palette der Kunst), "die Fotografie ist für mich eine Möglichkeit..., das, was ich über das Gesehene fühle, mitzuteilen und zu interpretieren...," und dann würde er leise, als ob nur für sich alleine, ergänzen, "eine bloße Möglichkeit..."
Alfred Stieglitz, der längst schon fast alles wusste, würde vielleicht leise zuhören und dann seufzte er, fast unhörbar: "Die Kunst ist die Bestätigung...des Lebens..." und das Wort bloße würde er auch nur flüsternd andeuten, nur durch eine Lippenbewegung, übrigens die Menschen, die wirklich wissen, teilen oft ihre Gedanken mit bloßem Blick mit...
Und Ansel Adams, heute umgekehrt wieder ein Guru von Clyde Butcher, würde kaum aufatmen können, damit er die Debatte endlich zurück zur Natur richtete, womit sie vom Anfang unauffällig von Ray und Weston geschoben wurde; Stieglitz bei seinem Überblick würde keine Worte mehr brauchen, und so würde er mit einem ironischen Lächeln der Begeisterung von Adams ihren Raum geben: "Nicht einmal die Wildnis...ist für mich die wahrhaftige Wildnis...sofern sie jene angemessene Reinheit hat...nur in dieser Form ist sie mystisch; wäre ich ein Diktator, würde Euch wo möglich meine Anordnung grenzenlos freuen...alleine aus dem Grunde, daß ich das Ödland von beliebiger Form der weiteren Entwicklung abschneiden würde, manchmal würde ich sogar die Pfade verbieten..."
Adams würde sich vorbereiten, weiter die pathetische Ode auf die jungfräuliche Wildnis fortzusetzen, aber in die Debatte würde plötzlich wieder Man Ray eintreten, der eben vor kurzer Weile noch mit O´Keeffe flüsternd über das Thema ihrer abstrakten Bilder sprach, dem Gespräch dennoch, als ob durch ein peripheres Wahrnehmen, folgte: "Die Natur als solche schöpft keine Kunstwerke. Es sind wir, und die menschliche Fähigkeit der Interpretation, unserem Bewusstsein so eigen, die in ihr die Kunst wirklich sehen und finden...," womit er möglich anscheinend noch auf seinen Eintritt in die Debatte reagiert hätte, vielleicht mit sich selbst polemisierte...
Dann würde aber O´Keeffe selbst zum Wort greifen, aber gleichzeitig ließe sie, in den feinen Halbtönen des matten Helldunkels, durch das Nachgießen der Gläser, die Musik ihres glockenhellen Kristalls erklingen - die Natur liebte sie zwar auch, aber mit den Anwesenden verband sie auch die Bewunderung zur Schönheit des weiblichen Körpers, der Frucht der Natur am faszinierendsten - und nur so, nebenbei, hätte sie die Situation beleben können, anscheinend ohne Zusammenhang, und der höfliche Ray wartete sicherlich...und später hätte er es nicht mehr für nötig gehalten, etwas hinzufügen: "Als Alfred zum erstenmal in den zwanziger Jahren die Fotografien meines Körpers präsentierte, haben ihn einige Herren gefragt...ob er bereit wäre, ihre Frauen oder Freundinnen auf die gleiche Art wie mich zu fotografieren... Es hat ihn sehr amüsiert und er lächelte dazu...wenn nur diese Herrn geahnt hätten, was für eine vertraute Beziehung er dazu gebraucht hätte...würden sie wahrscheinlich schnell ihr Interesse verlieren...," das waren die letzten Worte der newyorker Debatte, obwohl das Gespräch zweifellos noch lange weiterhin fortsetzte...
Meine Imagination würde mich aber bereits, in beschleunigter Bewegung durch den unerforschten Zeitraum, und danach durch die barmherzig verlangsamte Zeitlupe der Filmüberblendung, in die reale Gegenwart bringen...in den Nationalpark Everglades in Florida, wo Clyde Butcher lebt, zwischen seinen Alligatoren und seinen Sümpfen, swamps, die sich im Sommer in einen faul fließenden "Fluss des Grases" verwandeln, um die berühmte "Einundvierzig," die Tamiami Trail, die Tampa mit Miami verbindet und Florida kreuzt... Die Filmaufnahme würde mich noch über den Akten, Portraits und sinnlichen Händeaufnahmen von Georia O´Keeffe überraschen, die Stieglitz vor mehr als achtzig Jahren aufgenommen hatte...weiterhin würde ich mit meinem vernebelten Blick halb in ihre durchdringenden dunklen Augen schauen, durch das berauschende déja-vu Gefühl berührt, welches ihr niemals erlaubt, in meinem visuellen Gedächtnis alt zu werden (obwohl ich sie sah, auf dem riesigen Bildschirm von Clyde, schon sehr faltig, dennoch immer noch lebendig, wie immer in Schwarz angezogen, mit einem schmalen Streifen vom Weiß, bereits mit Übersicht des weisen Alters, auf den Filmaufnahmen mit Anselm Adams zu seinem achtzigsten Geburtstag, damals war sie reichlich über neunzig...). Clyde klopft mir wiederholt auf die Schulter und unterbricht meine Träumerei, immer noch mit halb geschlossenen Augenliedern, jenes fast esoterische Tagesträumen, daydreaming... Entgültig wache ich aus meinem imaginären Flug durch die Zeit (Clyde hörte vielleicht kurz geheim den Weisheiten der Legenden mit mir zusammen zu, übrigens habe ich mir all die "authentischen" Aussprüche beim Blättern durch seine zahlreichen fotografischen Monografien "angehört") auf, und ohne Worte, durch eine bloße Geste, richtet Clyde meinen Blick auf einen riesigen Alligatormännchen um, den er so zärtlich Loosescrew Gator nennt, der sich sinnlich, direkt vor uns, auf dem Ufer des Sumpfes, nur einige Schritte von seinem Haus und seinem Loosescrew Drive, dem privaten "Weg der Verwirrten", in der Februarsonne faul wärmt...und plötzlich erfüllt mich das lustvolle durcherlebte Gefühl jenes so ersehnten Wonnegefühls, des Ineinanderfließens mit der Urgrundsubstanz des Universums, für einen einzigen, sehr kurzen Augenblick des Magischen...
Von hier führt Clyde Butcher seinen, fast fanfaronschen ehrlichen, Kampf um Erhaltung der Reinheit der Natur für die nächsten Generationen, aus seiner bereits berühmt gewordenen Big Cypress Gallery, nach den Zypressen genannt, von denen hier Tausende wachsen; heutzutage reiht man ihn schon mit Recht unter jene Legenden ein (unter die auch zweifellos der Glossator des alltäglichen Lebens des einfachen Amerikas Walker Evans (1903-1975) gehört, der aber die Natur für uninteressant hielt, und so wäre er auch nicht zur der vorherigen Debatte eingeladen worden), denen ich noch vor kurzem zugehört habe, als der Geheimzeuge eines Traumgesprächs. Für ihn längst schon die Wildnis die Antworten auf Fragen kennt, die Menschen noch nicht zu stellen lernten... Auf der Suche nach diesen Antworten dringt Clyde Butcher, Schritt nach Schritt, im Rahmen des stillen Dialogs zu dem so lebendigen Inneren vor, der von ihm leise angesprochenen Natur, in ihr unerforschtes, metaphysisches Gedächtnis hinter dem Gedächtnis…
Wenn Stieglitz seine Georgie fotografieren wollte, musste er sie zuerst wirklich kennen lernen, auch durch die Magie der Worte, die zum Kennenlernen eines Menschen unabtrennbar gehören, in ihr Inneres durchdringen, zu ihrer Seele, und auch, ohne Worte, sie streicheln und mit zärtlichen Küssen verwöhnen... Clyde Butcher dringt, ebenfalls schweigend, zur Seele der Natur durch, durch das demütige Kennenlernen, für ihn wurde wirklich die Wildnis zur geistigen Notwendigkeit... Ich kann als Augenzeuge nur bestätigen, daß es sich in seinem Falle um die absolute Lebensphilosophie der Suche nach dem Wesen, dem Ursprung handelt, ohne irgendwelche Andeutung der Heuchelei... Alfred Stieglitz überbrückte durch sein Schaffen zwei Jahrhunderte, Clyde Butcher trat durch seine Kunst bereits in sein zweites Millennium ein, was in dem bizarren Kaleidoskop der Geschichte nur reiner Zufall ist... Nicht durch Zufall wurde er aber zum Erbe der künstlerischen Herausforderung von Ansel Adams, im Sinne der eigenartig schöpferischen Fortsetzung des Marsches auf dem endlosen Weg der Suche nach der schwarzweißen visuellen Artikulation der jungfräulichen Natur; und der Suche nach der Harmonie, die zur Natur und eben auch zum Leben wesentlich gehört...durch seinen philosophischen Imperativ geführt, die dann und wann noch unberührte Schönheit und das noch nicht unbefleckte menschliche Gefühl für sie, welches überdies noch so nötig und unabtrennbar die menschliche Demut verlangt, zu erhalten...
Clyde Butcher habe ich persönlich, wie sonst als durch die Schicksalsmagie der Zufälle, im Jahr 1993 kennengelernt, beim art-show in Tampa auf Florida. Ich sprach ihn bei seinem Stand an, auf den ersten Blick von der märchenhaften Aussage seiner schwarzweißen Welt hingerissen. Ich wollte es nicht glauben, daß es heute noch möglich sei, mit einem Fotoapparat als ob aus dem Anfang des Jahrhunderts zu arbeiten. Als er mir mitteilte, daß er Josef Sudek und seine magischen Aufnahmen von meinem Prag bewundert, wurde das Gespräch in der Hitze von Florida weiter fortgesetzt... Seitdem ist unsere Korrespondenz und vor allem Begegnungen datiert, die die Form eines nie abgeschlossenen Dialogs und sich vertiefender Freundschaft haben. Bei meinem Besuch in seiner Big Cypress Gallery, im Jahre 1999, habe ich mich entschieden, dazu beizutragen, daß das fotografische Schaffen von Butcher auch in das europäische Kulturbewusstsein vordringt. Im Juni 2000 akzeptierte Clyde mit seiner Frau Niki meine Einladung und besuchte mein Prag und mein Südböhmen. Es war sein erster Besuch des "alten Kontinents." Die märchenhaft fantasken Aufnahmen der amerikanischen und jetzt bereits auch europäischen Landschaft, als Visions of the New Millennium präsentiert, beweisen nur, daß der Kampf für die Erhaltung der Schönheiten der Natur zum Grundpfeiler des weiteren Weges der denkenden Menschheit werden muss... Clyde Butcher geht diesen Weg längst schon: gezielt vernichten wir unseren immer noch ein wenig blauen Planet durch unseren Egoismus und unsere Unverantwortlichkeit. Aber immer noch haben wir die Chance, es zu versuchen, ihn für die nächsten Generationen zu retten. Eben auch dazu fordern die Visions von Butcher heraus. Die Ausstellungen von Visions in der Nationalgelerie in Prag (June – September 2001) und im Haus der Künste der Stadt Brünn (Dezember 2001 – Februar 2002) wurdem zum Supererfolg; um so mehr freut es mich, das es eben die "Europäische R.M.Rilke Stiftung" ist, in Übereinstimmung mit ihrer Philosophie, die das europäische Publikum mit der künstlerischen Aussage von Clyde Butcher bekannt macht...
Wenigstens für eine Weile schauen sie sich die Augen der Natur an, mit dem emporhebenden Gefühl der Gleichheit und Zusammengehörigkeit, und versuchen sie, mit seinen künstlerischen Augen ihre Harmonie zu bewundern, und seinen so bezauberten Anblick für ihren eigenen zu halten...richten sie ihren Blick auf seine schwarzweißen Visionen, als ob sie schon morgen erblinden sollten; und möglicherweise fangen sie plötzlich zu tränen an, daß es ihnen, eigentlich durch Wunder, vergönnt wurde, ein vollwertiges visuelles Leben zu leben. Und auch ermöglicht wurde, durch einen bloßen Blick, nur ohne Worte, die Zeit aufzuhalten, und durch jenes vergänglich ephemerisches Streicheln eines magischen Augenblicks, die Schönheit zu erblicken...und vielleicht bei einer momentanen Aufklärung zu begreifen, wie gut sie grundsätzlich sind, oder wie gut sie werden könnten; und jetzt versuchen sie es, ein wenig anders, in ihre eigenen Augen zu blicken...eben auch darüber sind die Fotografien von Clyde Butcher...
März 2003 Everglades, Florida, USA
Jiøí Kostelecký
Präsident der Europäischen R.M.Rilke Stiftung